Lauer Sommerabend
Der Wind wehte Oliver die Haare ins Gesicht. Seine Strähnen nahmen ihm fast die Sicht und doch bremste er den E-Scooter nicht ab. Er bretterte die Straße entlang. Langsam wurde es dunkel, das schwache Licht des Rollers reichte kaum aus, um den Weg zu beleuchten. Dunkle Wolken zogen auf. Sie verbargen die rötliche Sonne.
„Pass auf, wo du hinfährst!“, schimpfte ein älterer Mann, als Oliver mit dem E-Scooter über den Gehweg raste.
Er antwortete nicht und bog um die Ecke. Am Ende der Straße war die Apotheke. Neben ihr, am kleinen Marktplatz, wollte er sich mit seinen Freunden treffen. Den Roller stellte er achtlos vor ein geparktes Auto. Sein Handy klingelte. Tom und Stephan waren auf dem Weg, aber die Bahn hatte Verspätung. Er öffnete seinen Rucksack, zog eine Flasche Bier heraus und setzte sich auf die Bank vor der Apotheke. Die letzten Tage hatte der Regen die Luft abgekühlt, doch heute war es warm. Oliver genoss das Wetter und nippte an seinem Getränk.
„Warum fängst du ohne uns an?“, ließ ihn wenig später eine Stimme zusammenzucken. Als er aufblickte, hielt ihm Tom grinsend seine Bierflasche zum Anstoßen entgegen. Oliver rutschte zur Seite, und Tom und Stephan gesellten sich zu ihm auf die Bank.
Schnell hatten die Jungs eine zweite und dritte Flasche geleert. Musik dudelte aus Stephans Bluetooth-Lautsprecher. Die Laternen flackerten auf und hüllten den Platz in helles Licht.
Spät am Abend und nach einer weiteren Flasche Bier zog Tom ein Bündel Geldscheine hervor. „Ich habe das ganze Zeug verkauft. Schaut mal, wie viel mir der Trottel dafür noch geboten hat!“
„Und was ist mit meinem Anteil?“ Stephan schwenkte wild gestikulierend seine Bierflasche umher. „Ich habe den Kontakt hergestellt!“
Tom murrte, doch zog einen Schein aus dem Bündel.
„Das sind nur 50 Euro! Ich will mehr!“, protestierte Stephan.
„Spinnst du? Das ist genug!“
Ein Mann lief vorbei und schüttelte den Kopf, als er sah, wie sich die beiden um das Geld stritten. Oliver zuckte mit den Schultern. Er wandte sich ab, weil es ihm peinlich war. In dem Moment boxte Tom Stephan so stark in die Seite, dass dieser seine Flasche fallen ließ. Mit einem Krach landete sie auf dem Boden, und der Inhalt floss über die Pflastersteine.
„Alter, mein Bier!“, brüllte Stephan. Er sprang von der Bank. In seiner Hand blitzte ein Messer auf.
Tom entschuldigte sich und versprach, ihm eine neue Flasche zu kaufen. Doch Stephan hörte nicht zu. Das Bier war nicht das Problem. Er war wütend, weil Tom ihm nicht mehr Geld geben wollte.
„Komm, beruhige dich! Es ist nur Bier!“ Tom verdrehte die Augen.
Voll Wut warf Stephan sein Messer auf ihn. Doch Tom konnte sich im letzten Augenblick mit einem Sprung zur Seite retten. Das Messer flog direkt an seinem Ohr vorbei.
Splitternd brach die Seitenscheibe des Autos hinter ihm.
„Du bist echt bekloppt, Stephan!“ Oliver eilte zu dem Auto und griff nach dem Messer, das inmitten der Scherben auf dem Beifahrersitz lag. „Du kannst dir das Messer morgen bei mir abholen, wenn du wieder bei klarem Verstand bist!“ Er drehte sich um, und seine Freunde erstarrten. Plötzlich spürte er, wie etwas Warmes seinen Arm hinablief. Der Schnitt war tief und lang. Blut quoll hervor. Oliver wurde blass. Beim Greifen nach dem Messer musste er sich an der zerbrochenen Fensterscheibe geschnitten haben.
„Zum Glück ist es nicht weit bis zur Apotheke“, versuchte Tom zu scherzen. Die beiden anderen warfen ihm einen bösen Blick zu.
Stephan schien zu begreifen, was er getan hatte. Ohne ein Wort zu sagen, nahm er einen der losen Pflastersteine, die es auf dem alten Marktplatz zu Genüge gab, und trat auf die Apotheke zu.
„Nein!“ Toms Schrei kam Sekunden zu spät. Krachend zersplitterte auch diese Fensterscheibe. Der Alarm meldete sich schrill. In den Häusern um den Platz gingen die Lichter an.
Panisch blickte Stephan zu Oliver. Der hielt wortlos einen Verbandskasten in der Hand. Er hatte ihn aus dem Auto geholt. In der Ferne blinkte das blaue Licht der Polizei. Mehr nahm Oliver nicht wahr. Ihm wurde schwarz vor Augen …
