Diese Geschichte schrieb matejleto.de @matejleto Thriller

Hinter den Fenstern der Stadt

Wenn es dunkel ist, verlasse ich meine Wohnung. Hinter den meisten Fenstern brennt nun Licht, viele Menschen sind daheim. Gut so. Die Straßen sind leer, die Hektik des Tages ist kaum noch spürbar.

Ein paar Laternen leuchten schwach, andere sind bereits kaputt. Die Lichter hinter den Fenstern der Stadt sind zuverlässiger, sie begleiten die Menschen durch die Nacht.

Auch einige Schaufenster in der Fußgängerzone sind beleuchtet. Manche heller, manche dezenter, manche gar nicht. Viele Ladenlokale stehen leer, der Online-Handel lässt die Innenstädte dunkler werden.

Hinter der Glasfront der Apotheke wird ein Schlafmittel beworben. Gutes Marketing, ich gehöre zur Zielgruppe. Wer weiß, wie viele Menschen mit demselben Problem in dieser Nacht noch hier vorbeikommen? Baldrian wirkt bei mir längst nicht mehr. Also streife ich umher.

In der Wohnung schräg über der Apotheke weint ein Kind. Eine junge Familie wohnt dort, der kleine Sohn ist drei Monate alt. Kurz nach der Geburt haben die Eltern einen großen Fernseher gekauft, sechzig Zoll. Der Karton stand zwei Tage lang unten an der Laterne. Sie haben wohl durch den neuen Rhythmus den Feiertag und die dadurch bedingte Verschiebung der Abfallentsorgung vergessen.

Der Fernseher steht im Wohnzimmer, das auf der Rückseite des Gebäudes liegt. Von meinem Balkon aus kann ich das Fenster sehen, abends flackert dort lange das LED-Licht des Bildschirms. Es ist häufig grünlich, vermutlich läuft Fußball.

Früher war das auch im Nachbarhaus der Fall. Jetzt nicht mehr. Dort wohnt eine Frau, die sich frisch getrennt hat. Letzte Woche lagen Fotos von ihr ganz oben im Karton mit dem Altpapier. Fotos mit einem Mann, beide lächelten glücklich.

Doch sein Auto parkt schon seit Tagen nicht mehr in der Nebenstraße und aus der Mülltonne schaut keine vorwitzige Chipstüte mehr heraus. Ich weiß, von wem sie stammte, weil ich dem Mann ein paar Mal begegnet bin, als er spätabends noch den Müll in die Tonne geworfen hat, wenn sie schon zur Leerung bereit stand. Vermutlich hatte ihn seine Frau darum gebeten. Ob sie sich deshalb getrennt haben? Wegen etwas Recycling-Müll, der nicht über Nacht in der Wohnung bleiben sollte?

Wer weiß, was in den Leuten vorgeht.

Das habe ich mich auch bei der Fahrschule gegenüber gefragt. Vor drei Wochen habe ich zufällig einen Bericht im Fernsehen erwischt. Eine Reporterin hatte herausgefunden, dass der Fahrlehrer Bescheinigungen über Kursteilnahmen gefälscht hat. Pro Monat soll das zwanzigtausend Euro gebracht haben. Dafür brauche ich deutlich mehr als ein halbes Jahr. Wenn es gut läuft.

Vermutlich bin ich dem Fahrlehrer deshalb nie auf meinen Streifzügen begegnet. Auf dem finanziellen Polster wird er gut schlafen können. Oder geschlafen haben. Er soll jedenfalls verschwunden sein, der Bericht hat seinem Ruf offenbar geschadet. Vielleicht stehen deshalb seitdem weniger Stühle im Unterrichtsraum.

Die Arztpraxis nebenan ist sogar gänzlich leergeräumt. Der Doktor ist in den Ruhestand gegangen, ein Nachfolger hat sich nicht finden lassen. Monatelang bin ich an einem entsprechenden Aushang vorbeispaziert, dann war er verschwunden. Seinen Platz hatte eine kurze Mitteilung eingenommen.

Sehr geehrte Patienten, wir schließen unsere Praxis zum Ende des kommenden Monats.

Er soll ein guter Arzt gewesen sein, doch ich war nie dort. Er hätte vermutlich auch nichts gefunden, das mir geholfen hätte.

An der nächsten Ecke reißt mich eine Frauenstimme aus meinen Gedanken. Sie klingt aufgeregt. Ich erkenne zwei Gestalten auf dem kleinen Parkplatz am Supermarkt. Offenbar streiten sie sich, doch sie sind zu weit entfernt, um sie zu verstehen. Ich beschleunige meine Schritte.

Die zweite Person ist ein Mann. Er packt die Frau grob an den Armen, drängt sie in die Ecke zu den Müllcontainern. Sie wehrt sich, schreit, doch die Straße ist leer und vermutlich schaut mal wieder niemand aus dem Fenster. Das Fernsehprogramm ist in solchen Momenten offenbar immer besonders interessant.

Gut so. Der Mann bemerkt mich zu spät. Die Frau kann sich endlich losreißen und stolpert zurück. Erschrocken starrt sie auf den regungslosen Körper am Boden, dann blickt sie mich an.

Ich nicke ihr schüchtern zu. „Wie geht es Ihnen?“

„Okay“, stammelt sie.

„Gut.“ Ich mache zufrieden kehrt.

Heute werde ich endlich wieder ganz hervorragend schlafen können.

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